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 BUCH-REZENSION  

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Stefan Wolfschütz
Haiku-Förmchen

Rezension in SOMMERGRAS. Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft e.V.. Juni 2017 - Nummer 117

 
 
 
 
 
 
 
     

Rainer Randigs Buch Haiku-Förmchen gehört zu jener Sorte von Büchern, die man unbedingt einmal in der Hand gehabt haben sollte.

Schreibbilder. Was ist das eigentlich, dachte ich, als ich das Buch zum ersten Mal in den Händen hielt. Die Schreibbilder, in Originalgröße (12 x 13 cm) reproduziert, wurden ursprünglich auf handgeschöpftem Büttenpapier in einem Skizzenbuch ausgeführt, vorwiegend mit asiatischen Schreibpinseln und Aquarellfarben. Rainer Randig ist Kunstpädagoge und lebt mittlerweile im Ruhestand. An seinem Pinselstrich merkt man, dass er sein Handwerk über die Jahrzehnte nicht nur gelernt, sondern es zu künstlerischer Fertigkeit gebracht hat. Manches erinnerte mich an die Haiga von Ion Codrescu, wie sie in „Der Duft des Tuschsteins" zu finden sind. Im Unterschied zu Codrescu arbeitet Randig nicht mit zusätzlicher bildhafter Verfremdung, sondern erzeugt die Impressionen ausschließlich über den Text und seine Ausformung.

Der Druck auf einem dafür hervorragend geeignetem dicken Papier rückt die Bilder ins rechte Licht und bringt genau das rüber, was sich in der Verbindung von Text, Pinsel und Bild entfaltet. Dazu erhalten die

  kleinen Werke viel Raum, und das ist gut so. Der leere Raum, aus dem das Buch zur Hälfte besteht,öffnet die Gedanken für die Farben und „Förmchen“ der Tuschbilder. Auf eine leere linke Seite folgt ein Schreibbild, dann wieder eine leere linke Seite, darauf rechts in zartem Grau das Haiku. 37 Schreibbilder, 37 Haiku spielen auf 148 Haiku Seiten mit der sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit des Lesers.

Die Haiku sind schon für sich genommen lesenswert, aber durch die Farben und Ausformungen der Schreibbilder wird das Ganze zu einem „malzeitlichen" Genuss. Dabei ist die Kunst der Pinselführung an keiner Stelle aufdringlich oder gar effektheischend, und schon gar nicht geht es um Illustration der Kurzgedichte. Vielmehr wird vom Haiku auf einer anderen zweiten Ebene noch einmal etwas gezeigt, was das jeweilige Haiku tief im Inneren ausmacht. Letztlich bleibt das Haiku, was es ist, Wort und Schrift; der Pinsel macht es nicht besser, aber die Schriftspur stimuliert die bildliche Wahrnehmung und damit die möglichen Resonanzbilder im Kopf des Lesers (R. Randig, Haiku-Förmchen, S. 5.) So kann man sich in manches Schreibbild wunderbar hinein versenken und nach einer Weile mit dem Gefühl wieder emporsteigen: Ja, ich hab's.
   

 

25.06.2017