KREATIVITÄT  
    Detlef B. Linke
  Das Stirnhirn als Organ des Künstlers
aus: DETLEF B. LINKE: KUNST UND GEHIRN
DIE EROBERUNG DES UNSICHTBAREN. ROWOHLT TASCHENBUCH VERLAG Reinbeck bei Hamburg, Mai 2001 (Seite 129 -131)
       
 
"Die Diskussion um die Kreativität hat bisweilen einseitige Bahnen eingeschlagen. Menschliche Schöpferkraft wird dabei gegen Ordnungsprozesse konzeptioniert. Kreativität, die Erzeugung neuer Zusammenhänge und Formen, ist jedoch in erheblichem Maße nicht einfach nur auf ein Querdenken, sondern auch auf einen starken Ordnungswillen ausgerichtet. In Kreativitätsseminaren wird manchmal so getan, als ob Schöpferkraft eine Angelegenheit des ungehemmten Umgangs mit bunter Knetmasse in einer Kindergartengruppe wäre: je amorpher, desto besser. Als ob mit einem Schritt aus dem Alltag heraus schon der Feiertag des Neuen gewonnen wäre! In unserem Gehirn finden sich in jeder Sekunde neue Aktivierungskonstellationen. Es kommt darauf an, aus neuen Ideen etwas zu machen und sie durchzusetzen oder, wenn es dann zum Schiffbruch kommt, die an den Klippen zerschmetterten Planken auf interessanterweise darzustellen. Typischerweise erwartet einen die kreative Herausforderung ja gerade dann, wenn das geplante kreative Projekt in die einzelnen Scheite zerfällt. Viele kreative Geschichten sind Geschichten des Scheiterns, in denen man ein interessierter Beobachter blieb, auch wenn der Schaffende selber zur Hauptperson des Dramas wurde. Es gilt, Aufmerksamkeit auf die immer neuen Pointen des Scheiterns zu richten. Der weiße Wal, Moby Dick, zerschlug das Schiff des ihn verfolgenden Kapitäns. Der alte Mann aus Ernest Hemingways Novelle «Der alte Mann und das Meer» konnte seine Beute noch nach Hause bringen, allerdings von den Haien bis aufs Skelett abgenagt. In der nächsten Novelle ist das Meer vielleicht blutrot und gar nicht mehr befahrbar. Eine Erzählung vom weißen Wal wäre gescheitert. Doch wer wollte sie auch hören, wenn die neue Farbe des Meeres noch nicht zur Sprache gebracht ist? Die Folgen des Scheiterns sind unzählig und damit auch die Möglichkeiten der Kreativität. An dieser Stelle könnte dann die Erzählung vom Glück etwas Neues sein, beispielsweise von dem Glück, zwischen der untergehenden Sonne und dem blutroten Meer eine Farbkorrespondenz festhalten zu dürfen.

Das Scheitern kann den Künstler ins Herz treffen und ihn zu Notmaßnahmen bei seinem Schaffen zwingen. Beethoven, des Gehörs verlustig gegangen, legte eine Holzleiste zwischen Unterlippe und Klaviertastatur aus, um die Vibration der einzelnen
Noten zu erfühlen. Matisse, ans Bett gefesselt, verfertigte Scherenschnitte, und ein an einer das Augenlicht nehmenden Krankheit (Retinitis pigmentosa) leidender Fotograf versucht, Mitmenschen für seine eingeschränkte Perspektivik zu interessieren. Die schwerste Entscheidung für den bedrohten Künstler ist, ob er einen Kampf aufgibt und sich in einem neuen Terrain versucht oder ob er an seinem durch Lebensumstände oder auch Krankheit gefährdeten Talent versuchen will festzuhalten. In diesem Zusammenhang müssen die konstruktiven und schöpferischen Seiten der Kreativität herausgestellt werden. Kreativität steht nicht im Gegensatz zur Ordnung, sie kann nicht als ein wie auch immer zu bestimmender Gleichgewichtswert zwischen Chaos und Ordnung umgesetzt werden. Vielmehr ist der kreative Prozess durch ein Loslassen von Ordnung in einem entscheidenden Moment der Erstellung neuer Ordnung charakterisiert. Diese Moment der Entkopplung zwecks neuer Kopplung stellt die höchste Herausforderung an das Individuum und seine zielorientierten Stirnhirnaktivitäten dar. Würde man Ordnung und Kreativität einander gegenüberstellen, so gelangte man zu Modellen, in denen das Überraschungsspiel des Pan, der plötzliche Schrei seiner Hirtennöte, der Schrecken in der Mittagsstunde, das Herausgerissensein aus dem Dösen im Gegensatz zum Logos stünde, den Platon doch als Zwillingsbruder beziehungsweise als identisch mit dem Pan sehen wollte. Folgt man dieser Äußerung Platons, so wären alle Dualismen, die auf der Zweiteilung von Logos und Pan, von Ordnung und Kreativität aufbauen, ein Irrweg. Dies würde dann auch für jene Dichotomien gelten, in denen der rechten Hirnhälfte die Kreativität und der linken die Ordnung zugerechnet wird. Sicherlich ist die Hirnhälftendynamik nicht unbedeutend. Wir möchten für den kreativen Prozess jedoch die Rolle des Stirnhirns herausstellen, welches in der Lage ist, bei dem Entstehen von Entkopplung und dem Aufbau neuer Kopplungen Orientierung zu liefern. Kreativität wäre dann nicht eine Angelegenheit eines gestörten rechten Schläfenlappens, sondern eines Stirnhirns, das in der Lage ist, sich selbst zu modellieren. Diesem Konzept zufolge wäre Genialität nicht Ausdruck einer Bionegativität, wie das noch in der psychiatrischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts behauptet wurde, sondern Ausdruck eines besonders leistungsfähigen Stirnhirns."
11.09.2015
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