METHODE DES ZHUANGZI
 
 Ein Baustein zur Arbeit mit Bildender Kunst
 
Der Arbeitstext stammt aus dem Zhuangzi-Lesebuch von Henrik Jäger.
Mit seiner freundlichen Genehmigung werden hier die Ausführungen für den Unterricht zitiert! Ergänzungen und Auslassungen sind mit eckigen Klammern kenntlich gemacht. Abbildungen und Formatierung vom Verfasser dieser Seite. Kursive Schrift markiert den Zhuangzi-Wortlaut. Das Bearbeitungskonzept ist unten angefügt.


Mit den passenden Schuhen vergisst man die Füße
Ein Zhuangzi-Lesebuch
Aus dem Chinesischen übertragen und herausgegeben von Henrik Jäger
HERDER ▪ FREIBURG ▪ BASEL ▪ WIEN   2003

Autor
Zhuangzi (lies: Dschuang-dse), 3./4. Jh. v. Chr., zusammen mit Laozi [Lao-dse] der bedeutendste Denker und Dichter des Daoismus.

Herausgeber und Übersetzer
Dr. Henrik Jäger studierte Theologie, Sinologie, Philosophie und Japanologie. Seit zehn Jahren intensive Arbeit an daoistischen Texten und ihrer Interpretationsgeschichte. Seit 1993 lehrt er Sinologie an der Universität Trier, seit 2000 ist er DFG-Mitarbeiter in einem Projekt zu Zhuangzi. Weitere Informationen zu seinen Daoismus-Seminaren unter: www.henrikjaeger.de

Das „Wahre Buch vom südlichen Blütenland“ (Nanhua zhenjing) des Dichterphilosophen Zhuangzi (ca. 369-286 v. Chr.) ist in einer Zeit entstanden, [... in der es darauf ankam, sich mit erneuerten Werten in einem Leben zu orientieren, das sich durch gesellschaftliche Umbrüche veränderte.]
Während die Konfuzianer an die Vernunft und die ethischen Fähigkeiten des Menschen appellierten, neigten die Daoisten eher zur Innenschau und lehrten, dass alles Unheil aus Überzivilisierung und Entfremdung vom Natürlichen entstünde. Das Zeichen dao (Weg), das ursprünglich den vom Jäger im Dickicht eines Waldes oder in einer unwegsamen Einöde zu erspürenden Weg bezeichnete, wurde bei den Daoisten zu einem umfassenden Begriff für den Lauf der Natur, für den Grund und inneren Wirkungszusammenhang allen Lebens. In der Rückwendung zu schamanistischen Praktiken und heilgymnastischen Übungen konnten die Daoisten die Erfahrung der „geistigen Klarheit“ (shenming) machen, die es ermöglichte, das Leben in größeren Zusammenhängen, in der Einheit mit allem Lebendigen zu sehen. In dieser Einheit sah man eine Heimat ...[S. 14]

[Über Zhuangzi:]
Er stellte [die Lehren der Alten] in seltsamen und ausgefallenen Redewendungen, mit kühnen und übertreibenden Worten, durch ungebundene und ausufernde Beschreibungen dar, nahm keine Rücksichten, war dabei auch nicht parteiisch und sah die Dinge nicht nur von einem Standpunkt aus [...] Auch wenn seine Schriften merkwürdig und voller [schwer zu durchschauender] Winkelzüge sind, so tun sie doch niemandem etwas zuleide. Auch wenn seine Worte völlig unausgegoren zu sein und allem Gewohnten zu widersprechen scheinen, so sind sie es doch wert, aufmerksam gelesen zu werden, denn sie sind voller Wahrheiten, die nie jemand ganz begreifen wird. (7.3.) [Seite 18]

Wenn man sich darauf einlässt, Zhuangzi zu lesen, kann man vielleicht entdecken, dass die merkwürdige Geschichte des Buches ihre Schlüssigkeit hat. Zhuangzi, der seine Lehre mit einem krummen, verwachsenen Baum vergleicht [..], liebt indirekte und (auf den ersten Blick) schiefe Ausdrucksweisen, aus denen sich keinerlei Standards, Regeln oder Dogmen ableiten lassen: Aus seiner Lehre lassen sich keine geraden Bretter sägen. Er verkündet keine Ideale, denen man nachstreben muss, und keine Wahrheit, die man durchdenken und sich zu eigen machen könnte. So kann sich niemand seine Lehre zum Besitz machen und behaupten: „Ich weiß, was Zhuangzi sagen wollte ...“ Hinter dieser Lehre steht ein Denken, das den Leser immer neu auffordert, aus seiner momentanen Verfassung heraus zu antworten und nicht zu meinen, seine Antwort müsse allgemeingültig sein:

Es ist der Fehler der anderen Menschen, nicht meiner, [dass ich Metaphern verwenden muss, denn wenn ich, [in ernsten Worten" reden würde], dann würden die Menschen nur das antworten, was ihrer Sichtweise entspricht, und das verwerfen, was ihr widerspricht. Sie würden bejahen, was mit ihren Ansichten übereinstimmt, und verneinen, was mit diesen nicht übereinstimmt. (7.2.)

Also sagt er das, was er zu sagen hat, eben mit „unernsten“ Worten: Er spielt mit Bildern, Metaphern, Vieldeutigkeiten und Widersprüchen wie ein Jongleur. Sein Spiel sieht ganz leicht aus, doch wer es sich länger ansieht, kann entdecken, dass hinter der Leichtigkeit ein Ernst steht, der selbst dem Tod gelassen und entspannt standzuhalten vermag.

Zhuangzi provoziert - darin ist er vielen Werken moderner Kunst vergleichbar. Er bietet kein Konzept, an das man sich halten, mit dem man sich „sicher“ fühlen könnte. Nicht selten wird ein Leser mit Sätzen konfrontiert, die er beim besten Willen nicht „schlucken“ kann, aber er kann sie auch - zu seinem eigenen Erstaunen - nicht wieder ausspucken. Sie lassen ihn nicht los, er spürt: Es gibt einen Sinn. Nur welchen?

In solch einer Situation kann der Leser die Erfahrung machen, dass der Sinn sich in ihm selbst immer neu bildet - einfacher gesagt, dass er in seinem „Nicht-Verstehen“ etwas über sich erfährt, das ihm zuvor vielleicht nicht bewusst war. Durch die Lektüre des Zhuangzi ergibt sich kein Wissen, das der Leser nach der Lektüre als seines betrachten könnte, sondern ein Nicht-Wissen. Das Gefühl „Jetzt habe ich aber verstanden, was Zhuangzi sagen wollte“ wird irgendwann wieder zunichte, und man beginnt von vorn; dabei kann man erfahren, dass etwas in Bewegung kommt. Fragen nach den eigenen Prioritäten, nach dem eigenen Umgang mit Wissen und Macht, mit dem Selbstbild und dem Prestige in der Gesellschaft, nach der Erstarrung oder Starrheit im eigenen Denken und nach Lebendigkeit - diese Fragen können in neuem Lichte erscheinen und es vielleicht ermöglichen, dass man neue Erfahrungen mit

 

sich macht. Es ist ein nie endendes Sich-Öffnen für das Leben, und zu dieser Öffnung will Zhuangzi hinführen - was unmöglich wäre, wenn er eine Wahrheit anbieten würde, die sich nach Hause tragen lässt. So können sich ihm neue Sichtweisen auf sein Leben eröffnen. Vladimir Maliavin schreibt hierzu:

„... die Worte bei Zhuangzi fixieren keine Bedeutung, sondern befreien sich ewig von neuem von festen, an sie herangetragenen Inhalten und stehen [aus diesem Grund] unverrückbar an ihrem Platz.“ (Maliavin 1985: 19)

„Der Daoist (d. h. Zhuangzi) besitzt seine Wahrheit nicht. Er schafft seinen Text wie einen Raum von Sinn-Freiheit. Das ist ein Text, der sowohl den Schreibenden als auch den Leser befreit: Der eine, wie der andere sind im gleichen Maße frei, nicht zu wissen, was in der ‚Vermittlung des Wegs’ vermittelt wird. Das ist ein Text, der sich beständig selbst überschreitet [...] Worüber Zhuangzi auch redet, immer redet er auch von etwas anderem. Und je mehr er über (scheinbar völlig) Nebensächliches schreibt, desto stärker weiß er um das Wahre in seinen Worten [...] Deswegen wird der Mühe haben, Zhuangzi zu verstehen, der versucht, den Inhalt zu systematisieren und dessen Sinn (objektiv) zu erschließen. Die ,Reden über den Weg’ fordern nämlich vom Leser eine aktive Teilnahme beim Akt der Neu-Erschaffung, oder besser gesagt: der Mit-Schöpfung des Sinnes.“ (Maliavin 2002: 17-18)

Man könnte das Zhuangzi als einen großen Katalysator verstehen, als ein Feuerwerk von Impulsen, das den Leser etwas entdecken lässt und ihn zurückführt zum Erspüren der eigenen Lebensquelle: So fühlt er sich lebendig, so erlebt er Kraft, Befreiung und Buntheit.

Diese Lebendigkeit ist es, die Zhuangzi den unzähligen Formen von Heuchelei und Prestigesucht, von Machtanspruch und versteinerten Lebensstrukturen entgegenzusetzen hat. Sie bedeutet, sich immer wieder dem Fraglichen der eigenen Existenz auszusetzen und ein Vertrauen zu lernen, das erst wahre Sicherheit bietet. Es ist kein Weg schmerzfreier oder leichter Wohlfühlstrategien. Dafür ist es ein Weg, der hilft, auch das Dunkle und Schwere des Lebens in einem größeren Zusammenhang zu sehen. [S. 19 - 21]

Zhuangzi hat Fragen geliebt und keine fertigen, leicht zu übernehmenden Antworten gegeben. Er ist von der Überzeugung durchdrungen, dass jeder Mensch seine Fragen erst einmal entdecken muss, da man erst dann beginnen kann, falsche Selbst- und Weltbilder zu hinterfragen ... [S. 22]

Ein Fragender zu sein, bedeutet für Zhuangzi, offen zu sein für neue Möglichkeiten und darum zu wissen, dass keine Antwort eine endgültige Sicherheit geben kann und dass kein Selbstbild und kein Weltbild dauerhaften Schutz vor dem sich wandelnden Leben bieten. Trotzdem ist es möglich, in dieses Leben Vertrauen zu fassen, tief zu spüren, dass es - bei aller Unsicherheit - etwas Gutes ist. [S. 23]

[Ein Zhuangzi-Gleichnis als Beispiel] Im Zhuangzi wird in vielen Gleichnissen die vollendete Kunstfertigkeit des Handwerkers beschrieben [..]. Sein Können, eine Frucht jahrzehntelanger Übung, ist zugleich eine Erfahrung des Weges, eine nur durch eigene Übung zu erlangende Haltung, die nicht mit Worten zu vermitteln ist. Das bekannteste dieser Gleichnisse ist das vom Koch Ding, dessen Messer auch noch nach 19 Jahren scharf ist wie am ersten Tag.

König Hui von Wen hatte einen Koch namens Ding, der für ihn die Ochsen schlachtete. Wo immer seine Hand hingriff, wo immer seine Schulter sich anlehnte, wo immer sein Fuß hintrat, gegen was auch immer er sein Knie stemmte, da fiel, ritschratsch, das Fleisch von den Knochen. All dies geschah so rhythmisch wie in einer Melodie, es wirkte wie der „Tanz des Maulbeerbaumhains“ oder wie der Takt der Melodie „Jingshou“.

„Wunderbar“, sagte der König, „wie kommt es, dass deine Kunst des Zerlegens der Ochsen einen so hohen Grad erreicht hat?“

Koch Ding antwortete: „Euer Diener liebt das dao. Aus dieser Erfahrung heraus bin ich in der Kunst des Zerlegens gereift. Als ich mit dem Zerlegen begann, sah ich nichts als den Ochsen.

Nach drei Jahren sah ich nicht mehr den ganzen Ochsen, sondern nur noch seine Teile. Heute sehe ich ihn nicht mehr mit den Augen, sondern nur noch mit dem Geist (shen). Ich arbeite nicht mehr mit den Sinnesorganen, sondern mit der Intuition (shen). Mein Messer verlässt sich auf die himmlische Ordnung (tianli), es schlüpft in die Spalten und lässt sich von den Öffnungen führen. Da ich mich also in das Gefüge des Ochsens einfüge, bin ich so weit gekommen, dass mein Messer niemals ein Band oder eine Sehne berührt, geschweige denn einen Knochen. Ein guter Koch wechselt sein Messer einmal im Jahr, denn er schneidet [das Fleisch]. Ein gewöhnlicher Koch wechselt sein Messer einmal im Monat, denn er zerreißt [das Fleisch]. Ich benutze dieses Messer seit 19 Jahren, und ich habe damit mehrere tausend Ochsen zerlegt. Die Klinge ist aber so scharf, als ob sie gerade vom Schleifstein käme ...

In all diesen Gleichnissen setzt das Verstehen des dao voraus, dass man „mit dem Geist sieht“, ihn auf eine Weise sammelt, dass zwischen dem Handwerker und seinem Werk eine vollkommene Einheit besteht - nicht mehr der Koch schneidet, sondern „sein Messer verlässt sich auf die himmlische (natürliche) Ordnung ...“ Der Koch verschmilzt mit dem Ochsen, fügt sich in dessen Struktur ein, und wenn er einmal an eine schwierige Stelle kommt, dann „betrachtet er sie genau, verlangsamt die Bewegung, macht mit dem Messer nur ganz feine Bewegungen, und so ist das Fleisch mit einem Mal von den Knochen gelöst, und der Ochse weiß gar nicht, dass er schon tot ist; [Haut und Knochen] fallen auf den Boden, so locker wie ein Klumpen Erde ...“ (Zh. 3) [S. 111-112]

 
Bearbeitungskonzept für die Sekundarstufe II
  Arbeitsschritte, 1. und 2. als Annäherung an den Inhalt, 3. eigentliche Aufgabe mit Erkenntnispotential!:
1.)
Diktat ausgewählter Nomen des Kerntextes , die Begriffe untereinander oder als schwingende Wortkette auf einem großen Papierbogen mitschreiben, keine Wiederholungen
2.) Langsame Lesung des • Kerntextes •
3.) Bearbeite folgenden Auftrag allein oder partnerschaftlich:
Wandle den markierten • Kerntext • so um, als ob er sich nicht auf den poetischen Philosophen Zhuangzi, sondern auf einen Bildkünstler beziehen würde!
Benenne also den Begriff „Worte“ beispielsweise in „Farben“ oder „Formen“ um, verwandle „Text“ in „Bild“, „Lehre“ in „Kunst“, ersetze das Wort „schreiben“ durch „malen“ oder „bildnerisch gestalten“ usw. Aber zerstöre dabei nicht den eigentlichen Sinnzusammenhang !
ra 13.10.2004
 




 





 

DAO
Der Weg,
die Strasse,
der Pfad.

 


Zeichen für
Tao-Te King
[Dao de jing]
"Klassiker der Tugend"
von Laozi
[Lao-dse]

 

 

Aus einem japanischen
Schreibkunst-Musterbuch

Das Zeichen DAO in verschiedenen Schreibformen. Vgl. SHO-Info

       
16.09.2015
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