LESESTOFF GEHIRN  
o
o

Detlef Linke, DAS GEHIRN. München : Beck 1999 Seite 33:
Die Waagschale und die zwei Bewegungen des Lebens
Im Zusammenspiel der Hirnhälften kann man eine Bewegung ausmachen, derzufolge die Informationsverarbeitung den Weg von der nichtdominanten (zumeist rechten) zur dominanten (zumeist linken) Hemisphäre nimmt. Diesem Modell zufolge ist die rechte Hemisphäre eher auf das Neue ausgerichtet, das erst im weiteren Verlauf von der linken Hirnhälfte rekategorisiert wird. Der Weg neuer Informationen wäre der Weg zur sprachlichen Einordnung. In der rechten Hirnhälfte wird dagegen eher das noch nicht Einzuordnende verarbeitet, aber auch das stark Emotionale, so auch die Liebe und psychische Verletzung. Auch in der rechten Hemisphäre können angenehme Emotionen ihren Ort haben, das Glück auf längere Dauer sucht jedoch deren Einordnung ins Wort. Es gibt jedoch auch noch eine andere Bewegung, die hierzu gegenläufig ist. Der Mensch sucht Emotionen und versucht seine Kategorien auszuprobieren, um neue Kohärenzen zwischen den Hirnzentren zumindest zeitweise zu stabilisieren. Erst dadurch, dass der Mensch aus seinen vorgefassten Kategorien heraustritt, kann er diese dann im nachhinein wieder bestätigen. Zwei gegenläufige Bewegungen halten also die Aktivität der Hirnhälften zusammen: Suche nach dem Neuen und Rückführung ins Wort. Die individuellen Unterschiede sind hierbei erheblich, und manch ein Künstler sucht nach dem Aufbrechen der Kategorien das ständig Neue ohne Rückkehr in die Kategorien und Grammatik der linken Hirnhälfte. Die Frage nach der Hemisphärendominanz ist des-wegen auch immer eine Frage der Individualität, vor allem kann an den Inhalten nicht ohne weiteres abgelesen werden, ob sie von der linken oder von der rechten Hirnhälfte verarbeitet werden. Bisweilen werden auch Bilder stärker linkshemisphärisch analysiert. Aus kulturphilosophischen Gründen die Verhältnisse zwischen den Hirnhälften umkehren zu wollen kann ein einseitiger Akt sein. Wenn man auf der Ebene der Hirnhälften überhaupt Ratschläge formulieren will, so könnte man höchstens sagen, dass ent-sprechend einem Waage-Modell der Hirnhälften es von Vorteil zu sein scheint, in die jeweils weniger belastete Hirnhälfte etwas mehr hineinzutun. Will man also die Rationalität fördern, so sollte man auch etwas in den Bereich der Emotionen hineintun, jedenfalls wenn man will, dass die Rationalität sich in Kreativität entfaltet.

Manch einer mag das Gleichgewicht in der Waagschale auch dadurch zu gewinnen versuchen, dass er aus der jeweils überlasteten Hemisphäre etwas zurücknimmt.

(Zur Gelassenheit sagt Linke auf Seite 91:)
Gelassenheit ist die Fähigkeit, auf verschiedene Signale zu achten, die bisweilen unerwartet zur Relativierung eigener Vorannahmen und starrer Konzepte einschließlich der Selbstkonzepte verhelfen.
Sie ist auch von großer Bedeutung für die kognitiven Leistungen, die in ihrer Abhängigkeit von der Psyche und von inhaltlichen Orientierungen nicht als rein formales System abgehandelt werden können. Entsprechend ist kognitives Training, das dem Altersabbau vorbeugen soll, auch besonders auf emotionale Fähigkeiten zu richten. Nicht einfach das formale Üben von Wortfolgen und Zahlenreihen, sondern vor allem auch das Training von Geduld und Abwägungsfähigkeit sind für den Erhalt kognitiver Leistungen von großer Bedeutung.



Frederic Vester
, Denken Lernen Vergessen. dtv 1996 (seit 1975 aktuell, im Anhang: Lernstoff + Aufbereitung; Lerntyptest; Gedächtnistest) Seite 177:

Jeder gute Lehrer weiß, dass zur Auflockerung der Lernatmosphäre nicht zuletzt auch der Humor wie eine "Vitaminspritze" wirken kann. In der Tat aktiviert er aber ganz gezielt die rechte Gehirnhälfte und damit die Krea-tivität. Jeder Witz lässt nämlich zunächst einmal eine Erwartungshaltung entstehen. So weit die Leistung der linken Hemisphäre. Dieser Erwartung wird dann aber mit der überraschenden Pointe des Witzes der Boden entzogen. Der erste Schritt, der Sinn für den Überraschungseffekt, verbleibt damit in der linken Hirnhälfte. Diese ist jedoch völlig außerstande, den entstehenden Widerspruch durch eine neue, erheiternde Sinnstiftung aufzulösen, so dass - ob man will oder nicht - die rechte Hemisphäre in Aktion treten muss. Ihre Leistung besteht nun darin, die Pointe auf einer höheren Ebene mit dem vorher Gehörten unter Lustgewinn zu vereinen. Die positive Hormonlage und das damit verbundene Erfolgs-erlebnis halten nun ihrerseits die Aufmerksamkeit und das kreative Denken weiter in Aktion.

MEHR LESESTOFF
DETLEF B. LINKE KUNST UND GEHIRN
DIE EROBERUNG DES UNSICHTBAREN
ROWOHLT TASCHENBUCH VERLAG Reinbeck bei Hamburg, Mai 2001
Leseprobe
Gehirn und Denken Kosmos im Kopf
Katalog Deutsches Hygiene Museum Dresden
© 2000 Hatje Cantz Verlag + Autoren
DETLEF B. LINKE Neuroästhetik, Aschematismus
und Kreativität.
kunstforum Band 126/1994, Seite 165
16.09.2015
ZURÜCK