KREATIVITÄT
 
  IM UNTERRICHT
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„Unser Schulsystem wird in den nächsten Jahren einen sehr dynamischen Prozess durchlaufen. Fächer wie Musik und Kunsterziehung werden einen höheren Stellenwert erhalten. Kreativität könnte ein neues Unterrichtsfach werden.“
(GERD BINNIG: Freies Spiel für unseren KREATIVITÄTSmuskel. Plädoyer für ein neues Denken. 1990. in KREATIVITÄT, 21. Jugendwettbewerb der Genossenschaftsbanken 1990)
Da hat sich der Physiker und Nobelpreisträger Binnig wohl geirrt. Kann ja 'mal passieren. Unsere bildungspolitische Elite hat leider anders entschieden ...

Um so mehr muss ein zentrales Anliegen des Kuntunterrichts sein und bleiben, das Vermögen des Menschen zu fördern, kreativ zu sein zu können, sobald er denkt und handelt.

NOTWENDIGKEIT DER KREATIVITÄT
Veränderungen in unserer Welt gäbe es nicht, bliebe der handelnde Mensch den Konventionen verhaftet. So gilt es, Wege zu finden, wo bisher keine erkennbar waren.
Man stelle sich andernfalls einmal einen unkreativen Wissenschaftler vor oder eine unkreative Rechtsanwältin, einen unkreativen Landwirt, eine unkreative Fallanalytikerin der Kripo, einen unkreativen Koch, eine unkreative Maschinenbauerin, einen unkreativen Geschäftsleiter, eine unkreative Lehrkraft, einen unkreativen Tischler, eine unkreative Politikerin ... Diese Vorstellung ist doch entsetzlich! Schließlich der Künstler, der menschliche Kreator per se, wäre der nicht in besonderer Weise kreativ, wäre er schlicht seinen Begriff nicht mehr wert!
Angenommen, ein Baum wäre unkreativ, und könnte beispielsweise nicht damit spielen, Excurse zu treiben ... Ein unverzweigter Baum? Er wäre sicher zu einfältig, um auf unserem veränderlichen Globus zu überleben. - Das Gegenteil ist anzustreben: "Handle stets so, daß die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird." (Heinz von Foerster: Short Cuts, 2001, Zweitausendeins).

ELEMENTE DER KREATIVITÄT
Zwar ist Kreativität ein gern benutzter Begriff, leicht zu definieren ist er jedoch nicht ( vgl.: http://wiki.bildungsserver.de/index.
php/Kreativit%C3%A4t
). Leichter lassen sich Merkmale bestimmen, sobald man eine handelnde Person oder die Lösung eines Problems oder ein Handlungsergebnis als kreativ bezeichnen muss. Zwischen dem agierenden Menschen und dem Geschaffenen, hat ein komplexer Prozess stattgefunden, der wesentlich mit Intuition, Überraschung und Unbekanntem verknüpft zu sein scheint. - Genauer geht Joachim Funke in seinem Aufsatz „Psychologie der Kreativität“ aus dem Jahr 2000 auf das Phänomen ein.
Download: Funke_2000_Kreativitaet.pdf

Auf dieser Seite soll die Fähigkeit, kreativ zu sein, mehr in ihren Bezügen zur Unterrichtspraxis betrachtet werden.

KREATIVITÄT ÜBEN
„Ich halte Kreativität für einen Muskel. Und der muss trainiert werden.“ Karl Lagerfeld in der Talkshow „Johannes B. Kerner“, ZDF, 14.12.2005. Von diesem „Muskel“ hat Binnig schon 1990 geredet (siehe Eingangszitat).

Wie trainiert man nun, kreativ zu denken und zu handeln? In der Schule müssen für die Lernenden Situationen geschaffen werden, so meine positive Erfahrung, in denen Problemlösungen gefragt sind, die allerdings nicht nach einem bekanntem Regelwerk gefunden und nicht vorwiegend rational entwickelt werden können. Der Rückgriff auf gewohnte Lösungen muss weitgehend verhindert werden. Dass es ohne bekannte Anteile kaum zu einer vernünftigen, letztendlich kalkulierten Ausführung bzw. Lösung kommen könnte, wird als einvernehmlich vorausgesetzt, sie stellen indessen nicht den Kern der Herausforderung dar.
In der Folge sind Irritationen unvermeidlich, dennoch, aus der Spannung sich aufbauender Unsicherheit vor dem Unbekannten eröffnen sich nach einer Weile überraschende Blicke auf Lösungswege – wie entspannend! Heureka!
Assoziationen, unbewusste Korrespondenzen mit bereits angesammeltem Wissen (sonst geht‘s eben nicht), Intuition … deren Provokation will geübt sein! Stets auf‘s Neue.

 

Für die Lehrkraft birgt dieser Ansatz übrigens auch ein kleines Abenteuer, auf das sie sich immer wieder vertrauensvoll einlassen muss. Es bietet dafür eine intensivere Berufs-Lebensqualität als auf vorgedachten Trampelpfaden die Route einzuhalten.
Im Kunstunterricht werden sich die Sorgen der Lernenden allmählich legen, angemessene Leistungen nicht „bringen“ zu können wie in anderen Fächern, wo man konditioniert worden ist, dass Lernen oft anders ablaufen soll. ( Reinhard Kahl, 2001: Schule macht dumm) Für den gerade umrissenden Ansatz ist grundsätzlich projektorientiertes selbständiges Arbeiten zu begrüßen. Und die Abkehr von einer Bewertung, die sich allein auf punktuelle Prüfungen stützt.
Eine weitere wichtige Vorraussetzung ist das spielerische Herangehen an die sich stellenden und gestellten Probleme, die nicht nur bei eigener Bildarbeit, sondern auch im Umgang mit fremden Werken auftauchen.

SPIELEN
Weshalb dabei Spiel ins Spiel kommen muss, hat Rudolf zur Lippe wunderbar veranschaulicht! Hier der entsprechende Auszug aus einer zurückliegenden Rundfunksendung:

„Sprecherin:
Friedrich Cramer [Chemiker, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin, Göttingen] lehrte die Teilnehmer, dass die Natur spielt. Nur durch die Abweichung einer jeden Mutation ist die Evolution möglich. Jedes Spiel ist Abweichung vom Bisherigen. Solange das Spiel spielt, weicht es sogar von der Regel, durch die es definiert ist, ab.

Sprecher:
„Die Metaphysik des Spiels ist das Schummeln.“

Autor:
sagte Rudolf zur Lippe.
Das Spiel oszilliert gewissermaßen um seine Regel - darf ihr nicht zu nah kommen und sich nicht zu weit von ihr entfernen. Spiel, spellam, bedeutet Abstand, Zwischenraum. In der Handwerkersprache ist diese Spur noch gegenwärtig. Die Schublade muss Spiel haben. Wenn sie so gut passt, dass kein Abstand mehr bleibt, dann klemmt sie. Eine perfektionsversessene Kultur kann mit Zwischenräumen nichts anfangen, denn Zwischenräume pulsieren, sie tauchen immerzu anderswo auf. Zwischenräume sind unzuverlässig.“

zitiert aus: NDR 4 / PÄDAGIGISCHE ZEITGEISTER / Lernen & Erziehen. Sendung 0 5.11.94
Pädagogische Trends 30, beobachtet von Reinhard Kahl. Skript Seite 16
PDF-Arbeitsblatt, etwas umfassender zitiert

ZEIT EINRÄUMEN
Die Übung einer kreativen Haltung – und das wird sicher anhand ihres Faktors „Spiel“ deutlich - beansprucht Zeit. Ohne Verlangsamung kann ein kreativer Prozess nicht überzeugend produktiv werden. Dies steht zwar immer noch im kritischen Widerspruch zu unserer gesellschaftlichen „Kultur“, nichtsdestotrotz sollte der Zeitrahmen im Unterricht förderlich geweitet werden - für Irrtümer, Neben- und Umwege.

Selbst amtliche Vorgaben muss man dann eben etwas umfunktionieren, um Zeit für differenzierende, vertiefende Methoden zu gewinnen, beispielsweise zugunsten der bekannten Mindmaps (natürlich verbindlich mit Bildern oder nur aus Bildern?), mit denen thematische Zusammenhänge erschlossen und sichtbar gemacht werden oder um individuelle Skizzenbücher oder Kunsttagebücher mit kreativem Leben erfüllen zu können. ( vgl. SKIZZENBUCH PROJEKT auf der PROJEKTE-Seite)

SPIELRÄUME ÖFFNEN
Im Rückgriff auf meine eigenen Lehrer-Planer kann ich dieses Kreativ-Instrument anschaulich machen.
Das Ausgangsproblem waren bei mir die vermutlich allbekannten Kunstlehrer-Grübelsituationen. Wie geht's mit meinem Unterricht weiter? Neben dem Bemühen, einen Lernprozess in einer überschaubaren Thematik anzuregen, besteht auch hier ein ähnlicher Innovationszwang, Aufgaben-stellungen zu finden, wie bei künstlerischen Werken.

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Meine Begeisterung für dieser praktischen Recherche-Form im eigenen Kopf und darüber hinaus habe ich Reimar Stielow mit seinen Bemühungen um Fortbildung zu verdanken! Mein Vertrauen in unkonventionelle Vorgänge hat sich durch seine Haltung vertieft und die „praktische Sucharbeit“ in meinen mehrschichtig bearbeiteten alten Unterrichtsplanern (Reaktoren genannt) hat unterrichtliche Früchte getragen. Reaktoren-Fotos Auf derartigen „Spielwiesen“ kann man sich uneingeschränkt der freien bildnerischen Kombinatorik aussetzen, der selbstreflexiven Betrachtung des sichtbar Dargelegten und den sich oft prozesshaft entwickelnden Sinnbezügen. Bildliche und schriftliche Äußerungen, die einerseits individuelle Bezüge haben, andererseits thematisch gebunden sind, legen eine reflektierte Wahrnehmung nahe und ... provozieren weitere Ideen!
Das entschieden gepflegte Kunsttagebuch wird also zu einem Pool unerwarteter Einfälle - bestimmt auch für junge Lernende. Vornehmlich wenn nicht nur brave Farbstiftzeichnungen enthalten sind, sondern das Buch als gestaltbares Objekt gesehen wird und unterschiedliche Materialien sowohl geistigen als auch sinnlichen Reizstoff bieten, durchaus mit unterschiedlich emotionalem Ausdruck! „Mit allen Sinnen“, diese zu oft vergessene Formel für das Bemühen, ganzheitlich zu arbeiten und zu sein, ist ein guter Nährboden für die kreative Tat.

RESÜMEE
Unkonventionelle Wege zu beschreiten muss gelernt werden, insbesondere wenn kunstgemäße Bildwerke gestaltet werden können sollen.
Neben aller rationaler Wissensaneignung sind naturgemäß die nichtbewussten Vorgänge in uns geheimnisvoll und nicht direkt zu fassen. Für Innovation und künstlerische Äußerungen, die wesentlich neue Sichtweisen verwirklichen, ist das kreative Tun unumgänglich, aber es kann eben nicht als standardisiertes Knowhow gefasst werden. Lediglich Faktoren lassen sich nennen, die mit der Kreativität in Verbindung stehen. Entscheidend ist vor allen Dingen die experimentelle Kultur des Spiels mit Überraschungen. das Löchermachen in die Barriere zum Nichtbewussten, das Sich-Wundern über etwas Abwegiges und die Würdigung der Möglichkeiten neuer Verbindungen.
In diesem Zusammenhang sind dann Ironie, Verfremdung und Subversion vorteilhafte Helfer einer erweiterten Wahrnehmung.

SCHNIPSEL
„ideas spring from deeds and not the other way around" (Ideen entstehen aus Taten und nicht anders herum)
Sam Durant: Calcium Carbonate, 2011.
Abbildung: http://samdurant.net/files/gimgs/4_ideasspring.jpg
Textgravur auf einer Marmorskulptur, die einen Sack Marmormehl aus Carrara imitiert. Carrara-Marmor ist seit Jahrhunderten künstlerischer Rohstoff für Skulpturen gewesen, neuerdings wird das edle Gestein zu Scheuersand zermahlen für „nützliche“ Zwecke. Gesehen auf der documenta 13 in Kassel)
und
"Ich suche nicht, ich finde." soll Picasso geäußert haben. Er hat leidenschaftlich Kunst gemacht, das konkrete Werkstück aber hat er nicht vorher "gewusst". Was er produziert hat, war neu und einmalig, es bleibt Picassos "WIE" ! Dass auch der Betrachter kreativ, schöpferisch, einfallsreich sein muss, hat Picasso ebenfalls ausgesprochen: "Ein Bild wird lebendig durch die Person, die es betrachtet."

  TEXTE + LINKS ZUM THEMA KREATIVITÄT

Schinkel + Ende + Kahl

Q im Arbeitsblatt
Das Verschwinden der Kreativität
  Q: Seite 22/Süddeutsche Zeitung Nr. 21 WIRTSCHAFT 26.01.2006 
Stefan Moises  KREATIVITÄT
  http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/internet/ARBEITSBLAETTERORD/PSYCHO LOGIEORD/Kreativitaet.html (10.09.2015)
Funke: Förderung kreativen Denkens
  Auszug aus dem Essay von J. Funke
Q: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/ 8231/1/Funke_2000_ Kreativitaet.pdf (10.09.2015)
Singer u.a.: HIRNFORSCHUNG 7 DAS GEHEIMNIS DER KREATIVITÄT F.A.Z.-Hörbuch im faz-archiv-shop
Inhaltsangabe vor Ort
Linke: Stirnhirn als Organ des Künstlers
  Q im Arbeitstext
Tausende Schuhe auf der Place de la République in Paris, 29.11.2015 - ein Beispiel für Kreativität / Kunst der Äußerung / Soziale Plastik (dlf-Artikel, Zugriff 01.12.2015)
 
 
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
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01.12.2015
 
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